5. Station des Naturlehrpfads:

Der unberührte Nebelwald - Leben in den Baumkronen

Text und Webdesign: S. Engwald
Fotos (wenn nicht anders gekennzeichnet): S. Engwald

S. Engwald klettert

"Vielen Leuten ging es schlecht, den meisten sogar miserabel, selbst denen mit Digitaluhren. Viele von ihnen kamen allmählich zu der Überzeugung, einen großen Fehler gemacht zu haben, als sie von den Bäumen heruntergekommen waren..." (Douglas Adams in Per Anhalter durch die Galaxis, 1984)

Auch wir kamen zu dieser Überzeugung, als wir zum ersten Male die Wipfel der mächtigsten Bäume der Cerbatana erklommen. Am liebsten möchte man oben bleiben und nicht mehr auf den Boden der Tatsachen zurückkehren.
Stefan Engwald und Alexandra Hostert in der Krone eines Coco de mono - Baumes.

A. Hostert in Baumkrone

Zu dieser Station des Naturlehrpfads gelangt man, wenn man nach der Station 4 nicht den direkten Weg zum Gipfel nimmt, sondern sich nach links wendet. Auf einer Seitenschleife des Weges in den intakten Teil kurz nach der Kreuzung gelangt man zu einem imposanten Baum, der mit einem Kletterseil versehen ist (10°37'35,94'' nördliche Breite und 63°10''19,14'' westliche Länge). Hier in ca. 900 m Höhe über dem Meer auf der nordwestlichen Hangseite des Cerbatana befindet sich der ursprünglichste Waldbereich. Er ist charakterisiert durch seinen gesunden Bestand des vorherrschenden Baumes Eschweilera trinitensis (Familie der Lecytidaceae - Topfdeckelbäume). Er wird auch Coco de mono genannt (Affenkokosnuß), da seine kleinen Früchte sehr hart sind und an Nüsse erinnern. Die Art ist auch wirklich mit dem Paranussbaum verwandt, aber seine Frücht sind für den menschlichen Verzehr nicht sonderlich geeignet.
Unsere Kletterbaum ist auch ein Coco de mono. Wir wählten ihn aus, da er eine imposante Höhe über 30 Meter erreicht und seine Krone über und über von Aufsitzerpflanzen (Epiphyten) besetzt ist. Schon sein Stamm ist von einem Polypodium-Farn überwuchert, dazu kommt kletternde Halbepiphyten wie Anthurium humboldtianum und Philodendron pinnatifidum. Fast alle Stämme sind hier mit Hemiepiphyten besetzt, so die ungewöhnliche Art Asplundia moritziana (Cyclanthaceae)! Die Palmen Geonoma cf. spinescens und G. pinnatifrons, die im Unterwuchs wachsen, sind typisch für die Bergregenwälder Venezuelas.

Klettern an Eschweilera trinitensis

Ausgerüstet mit umfangreichem Werkzeug wird das Dach des Regenwaldes erobert: alpine Klettergurte, Steigklemmen, Abseilachter, Karabiner, mulmige Gefühle und Sicherheitsseile.
Jede Bewegung bedarf äußerster Konzentration. Da wird oft vergessen, dass man nun eigentlich Angst haben müsste.
Die ersten Versuche tropische Baumriesen mit Hilfe alpiner Kletterseiltechnik zu bezwingen begannen in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts (dem 20sten, versteht sich!). Der amerikanische Biologe Donald Perry wurde berühmt und berüchtigt durch seine vielen Erstbesteigung in den Wäldern Costa Ricas. Später konstruierte er in Costa Rica eine Seilbahn, die auch weniger sportliche Naturbegeisterte in die hohen Sphären des Tropenwaldes bringt. Dieses Ökotourismus- und Umweltbildungsprojekt wird vollständig von Costaricanern organisiert und betrieben.

Es ist mittlerweile anerkannte Tatsache, daß die tropischen Baumkronen eine Artenzahl sondergleichen beherbergen. Der amerikanische Entomologe T. Erwin schätzte die Zahl allein der Insektenarten zwischen 10 und 30 Millionen, nachdem er in brachialer Vorgehensweise mehr als 1000 Bäume mit Pestiziden einnebelte und die heruntergefallenen Tiere auswertete. Eine unglaubliche Zahl, besonders wenn man weiß, daß man zuvor die Zahl aller unseren Planeten bevölkernden Tier- und Pflanzenarten 20mal niedriger bezifferte.
Will man das Dach des Regenwaldes genauer studieren, muß man sich seine Architektur vor Augen führen. Stellen Sie sich einen Häuserblock vor, der aus Häusern mit unterschiedlich vielen Stockwerken zusammengesetzt ist. Das Parterre und die 1. Etage ist die Krautschicht am Boden, das 2. Stockwerk besteht aus der Strauch- und unteren Baumschicht bis zu 15 m Höhe. Hier stehen auch kleinere Palmen, Palmfarne und junge Bäume. Das nächste Stockwerk ist schon die obere Kronenregion, es beginnen die Wipfel der ca. 30 Meter hohen Bäume, die das eigentliche Dach des Waldes ausmachen und von oben gesehen eine geschlossene Grünfläche bilden. Überragt wird sie in vielen Wäldern nur von einzelnen Baumriesen, die eine Höhe bis zu 70 Meter erreichen und als Überhälter bezeichnet werden.
Es gibt verschiedene Wege die Kronenregion zu erobern. Versuchen Sie einmal mit einer Leiter einen Baum zu erklimmen, der den Umfang von drei Telefonzellen besitzt. Nach spätestens 10 Metern werden Sie sich fragen, ob das, was Sie sehen wirklich dieses mulmige Gefühl wert ist, gleich mit gebrochenen Gliedern im Schlamm zu liegen, meilenweit vom nächsten Krankenhaus entfernt. Steigeisen verbieten sich von selbst, da wir das Objekt unserer Neugierde nicht beschädigen wollen. Krane können nur mit immensen Aufwand in den Urwald geschafft werden. Dennoch gibt es Versuche, mit aufwendigen Krahnkonstruktionen die Baumwipfel zu erreichen. Nun haben Sie eine geniale Idee, vielleicht sollte man einen völlig anderen Weg gehen: Nehmen wir ein umweltfreundliches, möglichst geräuscharmes Luftfahrzeug, z. B. einen Heißluftballon oder besser noch ein steuerbares Luftschiff. Befestigen wir daran ein großes Netz, das leicht und dennoch stabil genug ist Menschen und Meßgeräte zu tragen und senken es mit Hilfe des Luftschiffes auf die Kronendecke des Regenwaldes. Unter Verwendung von Seilen können wir uns nun an fast jeder beliebigen Stelle in den Kronenraum abseilen. Unmögliche Hirngespinste, denken Sie vielleicht. Durchaus nicht, denn der Franzose Prof. Hallé praktiziert seit 1986 innerhalb der "Operatión canopée" (dt. Operation Baumkrone) dieses Verfahren mit einem großen Stab von Wissenschaftler(-inne)n. Mehr als eine Expedition im Jahr kann aber nicht finanziert werden und völlig unbeschadet werden die Bäume selten verlassen. Dr. Donald Perry, der innovative Wegbereiter der tropischen Kronenforschung, hat als einer der ersten die alpine Kletterseiltechnik zur Baumbesteigung angewendet, der auch wir uns bedienen wollten.
Das Kletterseil in der Krone zu befestigen ist meistens der zeit- und nervenraubenste Akt der gesamten Kletterei. Mit einem Sportbogen schießt man eine starke Hochseeangelschnur über einen geeigneten Ast. Das ist nicht so einfach, wie es sich hier liest. Manchmal vergehen Stunden, bevor der Ast getroffen ist und sich die Leine nicht mindestens fünfzigmal verdreht hat. An dieser Leine wird eine Reepschnur über den Ast gezogen. Erst durch sie kann man das schwere Kletterseil hochtransportieren. Letztlich läuft das Seil über den Ast zum Boden zurück, wo es an einen kräftigen Stamm gebunden wird. Mit Hilfe von Bergsteigerklemmen arbeitet man sich dann relativ bequem am Seil hoch. Kraft ist hierbei weniger vonnöten, als die richtige Technik.
Cordelia Hauf (Foto links oben) arbeitet sich mit der Froschmethode den Stamm hinauf. Tanja Otto (Foto rechts oben) demonstriert eine besonders sichere Abseiltechnik: führt man das Seil um ein Bein und anschließend um die Füße kann man sich sehr kontrolliert hinablassen.
Passionsblume Kolibri im Nest
Der anstrengende Aufstieg wird mit Anblicken ganz besonderer Art belohnt: den leuchtend roten Blüten einer Passionsblume oder einem winzigen Kolibri in seinem Nest. Beide Fotos: Cordelia Hauf
Glomeropitcairnia erctiflora
Glomeropitcairnia erectiflora
Nur hier im intakten Waldberich wächst die wohl größte epiphytische Bromelie der Region mit dem unaussprechlichen Namen Glomeropitcairnia erctiflora. Sie kommt nur in den Nebelwäldern der Halbinsel Paria und vereinzelt auf der Isla Magarita vor, sonst nirgendwo auf unserem Planeten. Die Pflanze erreicht mit ihrem Blütenstand Höhen bis zu 2 Meter.
Pedro im Baum
Kronenblick

Pedro Molina (Foto links) hat gut lachen. Der Blick, den er genießt, ist einmalig. Er reicht über den Wald bis zur Karibikküste.

Wenn die Europäisch-Karibische Gesellschaft und die Fundación Thomas Merle die notwendigen Mittel zur Verfügung hätte, ließe sich eine Baumplatform und ein einfaches Zugangssystem installieren. Dies würde den Besuchern die unvergleichliche Welt der Baumkronen näher bringen und ihnen unvergessliche Eindrücke bieten.