2. Station des Naturlehrpfads:

Aufsitzerpflanzen - Die "Kronjuwelen" des Waldes

Text und Webdesign: S. Engwald
Fotos (wenn nicht anders gekennzeichnet): S. Engwald

Viele höhere Pflanzen gedeihen nur auf Bäumen, sogar einige Kakteen, die man sonst nur in Wüsten vermutet. Nach konservativen Schätzungen leben ca. 10 % aller Pflanzenarten weltweit als harmlose Aufsitzer auf anderen Pflanzen, ohne ihnen Wasser oder Nährstoffe zu entziehen. Deshalb bezeichnet man sie als Aufsitzerpflanzen oder Epiphyten und nicht als Schmarotzer (Parasiten). Sie sind ein wesentliches ökologisches Element eines Regenwaldes, als Zierpflanzen von großer wirtschaftlicher Bedeutung und ihr Einsatz als Heilpflanzen kann von bisher unschätzbarem Nutzen sein. In einzelnen Tropenwäldern repräsentieren sie über 50 % aller vorkommender Pflanzenarten. In einem Bergnebelwald in den venezolanischen Anden bei Mérida berechnete ich aus detaillierten Epiphytenaufnahmen, dass in einem Hektar Wald mindestens 70.000 einzelne Epiphytenpflanzen wachsen müssen (siehe Engwald 1999).

Das Dach des Regenwaldes ist paradoxerweise ein eher trockenes Ökosystem, vor allem eines mit extremen Schwankungen. Dabei haben sich einzelne Arten besonders an den extremen Lebenraum angepaßt, besonders an den zeitweise enormen Wasserstreß, der durch die hohe Einstrahlung bedingt ist. Bromelien formen durch den typischen Rosettenwuchs regelrechte Wassertanks, die bis zu 50 Liter fassen können und gleichzeitig winzigen Baumfröschen Lebensraum bieten. Die Blattbasen vieler Orchideen sind zu Speicherorganen (Pseudobulben) verdickt, die Wasser speichern können.

Hohenbergia stellata
Vriesea platynema
Vriesea platynema ist ein häufiger Epiphyt der höheren Kronenregion. Er wird von Kolibris bestäubt, die im Schirrflug nach Nektar in den Blüten suchen.
Die Bromelie Hohenbergia stellata mit ihren roten Blütenknäueln formt Blattrosetten bis zu 1,5 Meter.

Die zweite Station kann kurz nach der ersten eingerichtet werden. An dieser Stelle hat ein umgestürzter Baum eine größere Lichtung geschlagen. Dies ermöglicht es, den Wanderer mit den vielen Epiphyten vertraut zu machen, die sonst vor den Blicken der Bodenbewohner geschützt sind. Im Astwerk der am Boden liegenden Krone beabachtet man z. B. Bromelien (Annanasgewächse) wie Hohenbergia stellata und Guzmania lingulata. Aber auch riesige Aronstabgewächse (Araceae), die kletternd oder halbepiphytisch sind: Anthurium crassinerve, Monstera adansonia oder Philodendron pinnatifidum, mit den großen, gefiederten Blättern. Verschiedene Orchideen sind hier mit etwas Glück in Blüte zu bewundern, so die zarte Blüte von Epidendrum nocturnum oder von Maxillaria-Arten. Schon etwas zuvor am Weg konnte man eine kletternde Vanille entdecken, die einzige Orchidee, die es zur weltweit bedeutenden Nutzpflanze gebracht hat. Auch der epiphytische Kaktus Rhipsalis baccata kommt vor. Durch das Astwerk windet sich platzfordernd eine hübsche, gelb blühende Kartoffelverwandte: Schultesianthus megalandrus (Solanaceae).

Philodendron pinnatifidum
Schultesianthus megalandrus
Die Blüten von Schultesianthus megalandrus zeichnen gelbe Tupfer in Kronen des Nebelwaldes.
Der Hemiepiphyt Philodendron pinnatifidum schmiegt sich wie ein luftiger Mantel um den Stamm des Baumes. Maxillaria sp.
Epidendrum nocturnum
Dies ist die Blüte einer nicht zur Art bestimmten Maxillaria-Orchidee.
Columnea scandens
Nachts umschwirren männliche Falter die Blüte von Epidendrum nocturnum (Orchidaceae) in der Hoffnung auf ein wenig Liebesglück. Doch der weiße Teil der Blüte (die Lippe) täuscht eine paarungswillige Partnerin nur vor.
Die epiphytische Gesneriaceae (zu dieser Familie gehört auch das Usambara-Veilchen) Columnea scandens besitzt gleich zwei poetische spanische Namen: "lagrimas de angel" (Engelstränen) oder "suspiro" (Seufzer).